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Wissenschaftlerinnen
 
Amesberger Sexualisierte Gewalt, Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern
Kontakt: brigitte.halbmayr@ikf.ac.at

Das Buch ist erhältlich im Fachhandel; ISBN 3-85476-118-x, gebunden,
Format 15 x 24, 359 Seiten, € 24,90

Sexualisierte Gewalt war und ist integraler Bestandteil von Verfolgung, Folter und Krieg. Frauen wie Männer waren und sind davon betroffen.
In den lebensgeschichtlichen Erinnerungen österreichischer Überlebender des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück sind immer wieder Ausführungen zu erniedrigenden, verletzenden, qualvollen bis hin zu existenzbedrohenden Gewalterfahrungen zu finden, welche sexuelle Konnotierungen aufweisen bzw. sexuelle Übergriffe darstellen.
Der Begriff „sexualisierte Gewalt“ bezieht sich nicht nur auf physische, direkte, von einer konkreten Person ausgeübte Gewaltakte (Vergewaltigung, Sexzwangsarbeit, Zwangssterilisation, Zwangsabtreibung). Er schließt die diesen Gewalttaten oft vorgelagerten Grenzverletzungen wie demütigende Blicke, verbale Belästigungen oder erzwungenes Nacktsein ebenso mit ein wie auch strukturelle, (dem KZ) systemimmanente Bedrohungen (z.B. unzu-reichende Hygienemöglichkeiten, fehlende Intimsphäre).
Am Beispiel zweier Frauen, welche der SS für sexuelle Dienste zur Verfügung stehen mussten, wird in dem Buch verdeutlicht, dass sexualisierte Gewalt im Konzentrationslager immer und überall präsent war und die SS sich selbst immer wieder über eigene Regelungen und Verbote hinsichtlich Kontakte mit weiblichen Häftlingen hinwegsetzte. Manche Interviewpassagen zeigen aber auch eindringlich, wie schwierig es ist, über derartige Erfahrungen zu kommunizieren und wie stark noch heute die Frauen Schutz im Schweigen suchen.
Sexualisierte Gewalt kann schwere Traumatisierungen verursachen. Der Auseinandersetzung mit dem Thema Trauma ist daher ein eigenes Kapitel des Buches gewidmet.

Die von den Frauen erlebte sexualisierte Gewalt ging großteils von Männern, im Kontext Konzentrationslager von SS-Männern, aus. Dieser Umstand verweist bereits auf die Notwendigkeit, den Faktor Geschlecht und die Dimension des Geschlechterverhältnisses zwischen Opfern und TäterInnen in die Analyse sexualisierter Gewalterfahrungen mit einzubeziehen. Vor diesem Hintergrund werden auch frauenspezifische Aspekte wie Menstruation, Schwangerschaft und Mutterschaft im KZ sowie die Auswirkungen von Verfolgung und sexualisierten Gewalterfahrungen auf das Leben nach 1945, insbesondere im Bereich Partnerschaft und Mutterschaft, ausführlich beleuchtet.
Die Analyse zeigt, dass sexualisierte Gewalt nicht „nur“ Ausdruck von Frauenfeindlichkeit war, sondern auch immer rassistisch, antisemitisch, heterosexistisch und eugenisch motiviert war.
Inhaltsübersicht: Vorwort von Elfriede Jelinek ? Sexualisierte Gewalt im Kontext ? Trauma ? Die Bedeutung des Faktors Geschlecht für die Situation von Frauen während der nationalsozialistischen Verfolgung ? Sexuelle Ausbeutung von Frauen in NS-Konzentrationslagern ? Margit und Eva – zwei Fallgeschichten ? Schwangerschaft und Mutterschaft während der Verfolgung ? Auswirkungen von Verfolgung und sexualisierter Gewalt auf Partnerschaft und Mutterschaft ? Theoretische Schlussfolgerungen ? Zusammenfassung.

 
 
Die Autorinnen

Die Autorinnen sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Konfliktforschung (Wien) und haben u.a. im „ZeitzeugInnen-Projekt Mauthausen“ zusammen gearbeitet. Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr haben zahlreiche, auch sozialhistorische Forschungsprojekte durchgeführt und gemeinsam mehrere Publikationen veröffentlicht, darunter: „’Schindlers Liste’ macht Schule“ (1995), „Rassismen“ (1998), „Vom Leben und Überleben. Wege nach Ravensbrück“ (2001), „Rechtsextreme Parteien – eine mögliche Heimat für Frauen?“ (2002). Katrin Auer war auch Mitarbeiterin der Ausstellung „Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers“ (1999).
Alle drei Autorinnen sind seit vielen Jahren Freundinnen und Mitglieder der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück.

 

  Mag. Helga
AMESBERGER

Ethnologin und Soziologin
  Auer   Mag. Katrin
AUER

Politikwissen-
schafterin und Historikerin
  Halbmayr   Mag. Brigitte
HALBMAYR

Sozial- und Politikwissen-
schafterin
 
Rezension

http://www.socialnet.de/rezensionen/1415.php

Die Autorinnen
Helga Amesberger, Katrin Auer und Brigitte Halbmayr sind Sozialwissenschaftlerinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Konfliktforschung in Wien. Sie haben u. a. im „ZeitzeugInnen-Projekt Mauthausen“ schon zusammen gearbeitet. Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr haben zahlreiche Publikationen veröffentlicht u. a. „Schindlers Liste macht Schule“, 1995 und „Vom Leben und Überleben. Wege nach Ravensbrück“, 2001. Katrin Auer war auch Mitarbeiterin der Ausstellung „Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers“, 1999. Alle drei Autorinnen sind Freundinnen und Mitglieder der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück.

Inhalt
Es war keine einfache und leichtfertige Entscheidung, sich dieses Themas anzunehmen, schreibt Erika Thurner im Vorwort des Buches. Die Autorinnen haben großen Mut bewiesen, dieses längst überfällige Thema zu bearbeiten. Der größte Mut allerdings und ein noch größerer Dank gebührt den überlebenden Frauen, die sich - auch stellvertretend für die Frauen, die auch heute noch nicht darüber in der Lage sind zu sprechen - den Tiefeninterviews der Autorinnen gestellt haben. Die Frauen haben zu dem alltäglichen Grauen, der stündlichen Todesangst in den Konzentrationslagern selbst sexualisierte Gewalt erlebt oder haben sie beobachten müssen und waren stetig davon bedroht. Im Zentrum der Analyse stehen lebensgeschichtliche und problemzentrierte Interviews mit 43 KZ - Überlebenden, vorwiegend aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, die die Interviewerinnen mit viel Fingerspitzengefühl geführt haben.

Es ist erschütterlich, lesen zu müssen, welche Qualen auch heute noch zur Lebensrealität der Überlebenden gehrt. Dass sexualisierte Gewalt in Konzentrationslagern vorkam, ist sicherlich relativ bekannt. Die Frauen wurden von den KZ-Aufsehern auf das nackte Gesäß geprügelt, Nacktheit war ein zusätzliches Mittel der Demütigung, es kam zu Zwangssterilisationen, Belästigungen, Vergewaltigungen, Zwangssexarbeit in den Lagerbordellen. Aber dass die sexualisierte Gewalt in Form von Vergewaltigungen in den Lagerbordellen nicht nur von den KZ-Aufsehern und SS-Soldaten verbt wurde, sondern auch von Mitinhaftierten, ist kaum vorstellbar. So wundert es nicht, dass das vorliegende Buch eines der ganz wenigen Veröffentlichungen dazu ist.

Sehr detailliert wird von den Autorinnen auf die Vielfältigkeit der sexualisierten Gewalttaten und Demütigungen der Frauen hingewiesen und den Folgen üfr die Frauen nachgegangen. Sei es, dass die Frauen nach den Erlebnissen alles Vertrauen in andere Menschen - meist Männer - verloren haben, sei es, dass die Frauen, um Schutz zu erhalten, Männer geheiratet haben, die, wie eine Interviewte erzählt, deutlich älter waren: „Ich meine, sicher, im normalen Leben, wenn nicht des politische Geschehen gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich - ich nehme es nicht an, dass ich einen Mann, der um 20 Jahre älter war als ich, geheiratet hätte.“

Das Buch bereichert das Thema sexualisierte Gewalt auch um die Sichtweise von Gruppenstrukturen und Gruppenerleben in Konzentrationslagern.
Es räumt auch auf mit dem Vorurteil und belegt dies sehr anschaulich, dass die Frauen keineswegs „freiwillig“ in den Lagerbordellen als Prostituierten arbeiteten, wie häufig von - auch weiblichen - Mithäftlingen geglaubt und erzählt wird. Die SS versprach den Frauen, dass sie nach 6-monatigem „Dienst“ freigelassen würden und darauf hin meldeten sich in ihrer Not tatsächlich einige Frauen. Diese Versprechen wurden allerdings niemals eingehalten. In der Rangordnung der Lagerhierarchie standen die Frauen, die in den Lagerbordellen Zwangssexarbeit verrichteten (verrichten mussten), ganz unten.
Dass der Bordellbesuch von den politischen Häftlingen verpönt war, ist nur zum Teil richtig.

Aufbau
Das Buch ist in verschiedene Schwerpunkte gegliedert. Es werden u.a. Einführungen gegeben zu folgenden Themen:
a.. Sexualisierter Gewalt und Trauma,
b.. der Einsatz sexualisierter Gewalt gegen Frauen bei Gestapo-Verhören während der Aufnahme,
c.. Gesetzgebung hinsichtlich Prostitution während des Nationalsozialismus,
d.. Zwangsprostitution im Lagerbordell,
e.. Beweggründe für sexuelle Beziehungen mit SS-Männern,
f.. Häftlingskategorien und Nationalitten,
g.. Schwangerschaft,
h.. Mutterschaft,
i.. Verlust von Kindern,
j.. Bedingungen für Gebärende,
k.. Menstruation,
l.. Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien der Frauen,
m.. Auswirkungen von Verfolgung und sexualisierter Gewalt auf Partnerschaften, Heiratsmotive.

Zielgruppe
Durch die Erzählungen der Frauen wird ein großes Tabu in der deutschen Geschichte gebrochen, dadurch dass die Autorinnen ihnen Gehör schenken und ihnen mit dem Buch eine - ich hoffe sehr breite - Öffentlichkeit bieten. Daher ist die Lektüre jeder und jedem zu empfehlen, da es meiner Meinung nach die LeserInnen nicht umhin kommen lässt, die Überlebenden dieser speziellen Form von Gewalt zu würdigen, ihnen Mitgefühl und Solidarität und die Möglichkeit des (entlastenden) Erzählens zu geben.

Dies Buch ist durchaus auch als Fortbildungslektüre für ÄrztInnen aller Fachrichtungen - besonders die der GynäkologInnen, HausärztInnen, NeurologInnen und GeriaterInnen zu empfehlen. Genauso wichtig ist es für Pflegende, diese Hintergründe der heute alten Frauen zu kennen, damit sie retraumatisierende Pflegehandlungen unterlassen, Reaktionen der Frauen als solche erkennen und Ihnen dann entsprechende Unterstützung geben können. Ich wünsche mir dieses Buch als Standardliteratur an den Alten- und Krankenpflegeschulen und Weiterbildungseinrichtungen vorzufinden.

Lesbarkeit des Textes
Keine Frage, das Buch erschüttert und lässt die Leserin / den Leser nicht unberührt. Durch die detaillierte Auflistung der Themen, die Interviews und die verschiedensten Sichtweisen auf das Thema sexualisierte Gewalt in den Konzentrationslagern ist es aber immer wieder möglich, das Buch an den verschiedenen Stellen aufzuschlagen und weiter zu lesen. Bei aller Schwere, die dieses Thema hervorbringt, wird von den überlebenden Frauen auch sehr viel Stärke, Lebenskraft und Lebensmut vermittelt.

Rezensentin
Martina Böhmer

Altenpflegerin für Geriatrische Rehabilitation, Referentin in der Altenhilfe Fachbuchautorin von Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen, Mabuse Verlag, 2000
Homepage http://www.martinaboehmer.de/
E-Mail MBOE59@aol.com

 
 
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